Carla Guagliardi

FUGA

Diehl Cube 13.06. –30.09. 2014

Carla Guagliardi

Carla Guagliardi, Brasilianerin italienischer Abstammung, in Berlin seit 1996, führt in ihrer künstlerischen Praxis kulturelle Denkweisen und Disziplinen zusammen. Als Tochter eines berühmten Pop-Sängers, formen Musik und Performance die Grundlage ihrer Arbeit als bildende Künstlerin, die von Harmonie, Rhythmus und Poesie bestimmt ist. Mit Beharrlichkeit und unvoreingenommener Neugier betrachtet Carla Guagliardi natürliche Phänomene und konzentriert in ihren Skulpturen und Installationen Gleichgewicht, Schwerkraft, Druck und Spannung als wesentliche Kräfte. Kunst ist für sie ein dem Zweifel enthobener Raum, in dem sie sich ganz dem Ausprobieren neuer Verbindungen widmen kann, um herauszufinden, was sich aus diesen ergibt.
Fuga (2014) – eine eigens für Diehl Cube konzipierte Installation – und die Skulptur Partitura (2012) – ebenso in der Ausstellung gezeigt – beruhen auf den Prinzipien von Verbindung und Gleichgewicht, Dynamik und Spannung, Schwebe und Verteilung. Beide Arbeiten sind entworfen worden um Raum sichtbar zu machen und verwenden Linien und Kugeln wie die Zeichensetzung einer Sprache. Fuga (Flucht, Fuge) ist eine Installation, in der Kupferrohre wie Nadeln die Galeriewände durchstoßen. Wie mit einem roten Faden scheint ein straffes, durch die Rohre geführtes Gummiband, den Ausstellungsraum zusammenzunähen. Dabei werden Außen und Innen optisch verbunden und eine sonst unbestimmte Fläche bestimmt. Diese grafische Anspielung erinnert an den metaphorischen Lebensfaden der Parzen sowie Ariadnes logisches Verfahren der Auswahl aus den vielen Wegen durch das Labyrinth der Existenz. Partitura (Partitur) ist eine Skulptur wie ein Lied oder ein Liedtext. Eine Folge von Momenten ausgleichenden Drucks zwischen Schaumstoffbällen verschiedener Größe und Holzsegmenten hält sie auf natürliche Weise zusammen. Angelegt wie die Noten einer Partitur sind die Kugeln unter und zwischen dem Holz platziert, die mit Scharnieren befestigt von der Wand hängen. Sie werden lediglich durch sanften Druck von Holz und Wand gehalten. Durch Wiederholung, Variation und Harmonie wird in diesen Skulpturen ein Rhythmus geschaffen, normalerweise ein Begriff aus der Musik und Dichtung, der sich auf den visuellen Ablauf und Kontrapunkt anwenden lässt.
Aufmerksam und nachdenklich statt energisch und herausfordernd, so verleiht Carla Guagliardi der Kunst Weisheit und Ruhe, Verbundenheit und Achtsamkeit  – Qualitäten, die eher Anmut auslösen als Reibung, und die sich eignen als Metaphern für die Umstände des Lebens und philosophische Gesichtspunkte. Als eine Kunst der Unvoreingenommenheit und Zuversicht öffnet sie dem Geist Türen, anstatt sich auf vorgefasste Denkmuster festzulegen, und zeigt auf, wie sich jenseits der Schwelle neue Dimensionen eröffnen.
Carla Guagliardis visuelle und taktile Sprache ist mit der ihrer brasilianischen Vorgänger aus dem Konzeptualismus der 1960er verwandt; Lygia Pape, Helio Oiticica und Lygia Clark, alle folgten einem ‚anthropophagen‘ Modell, das zwar dem Modernismus und der Avantgarde anhaftete, diesen jedoch Elemente einheimischer und populärer Kultur einverleibte. Ihr Interesse an Naturwissenschaft und ihre zyklische, nicht lineare Auffassung von Zeit ist beeinflusst vom überwältigenden Reichtum  der Natur Brasiliens, die dem Tempo urbaner digitaler Kultur enthoben ist.
Carla Guagliardis Arbeiten waren in Einzelausstellungen z.B. im Museum für moderne Kunst in Rio de Janeiro und im Haus am Waldsee in Berlin (beide 2009) und in Gruppenausstellungen u.a. im Haus der Kulturen der Welt (1998 und 2006), in der Akademie der Künste, Berlin (2010) und im Westfälischen Kunstverein, Münster (2011) zu sehen.
Alessandra Pace

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