The early Hacker 1960 – 70

Hommage to Lucio Amelio

Diehl Cube 22.03.–26.04. 2014

The early Hacker 1960 – 70

Der rechte Winkel als gesellschaftspolitisches Kunstkonzept
Das Werk von Dieter Hacker zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Vielseitigkeit aus. Als Student der Klasse Geitlinger an der Münchner Akademie beginnt er in den sechziger Jahren mit analytischen und kinetischen Arbeiten. Hackers Kunst ist zu dieser Zeit stark beeinflusst durch den Diskurs der Künstlerbewegung NEUE TENDENZEN. Lucio Amelio, sein erster Galerist zeigte seine Arbeiten 1967 in Neapel und fast 50 Jahre später präsentiert DIEHL CUBE Objekte aus dieser Serie in Berlin. In den späten sechziger und den siebziger Jahren ist Hacker einer der führenden Vertreter der politischen Kunst in Deutschland. In den achtziger Jahren wiederum wird Hacker als Maler im Kontext der Jungen Wilden berühmt. Bei dieser Fülle von auf den ersten Blick höchst unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen stellt sich die Frage nach einem verbindenden Element, nach einem roten Faden, der sich durch das Werk Hackers zieht. Mit dem Ausstellungstitel ‘Der rechte Winkel in mir‘, der anlässlich eines Vortrags von Dieter Hacker 2006 beim Symposium zur Ausstellung, ‘Die Neuen Tendenzen‘ geprägt wurde, ist ein erster Hinweis gegeben. Was macht also den rechten Winkel in Dieter Hacker aus und wie äußert er sich in seinen Werken und seiner Kunstauffassung?

Analytische Kunst
In der ersten Werkphase arbeitet Dieter Hacker mit geometrischen Körpern, die bei den Betrachtern einfache aber elementare Wahrnehmungs- und Erfahrungsprozesse auslösen sollen. Ein kleiner schwarzer auf dem Quadrat basierender Quader – durchaus als Hommage an das schwarze Quadrat von Malewitsch zu verstehen – kann als Körper im Raum erlebt und als tatsächlicher Gegenstand in die Hand genommen werden. In der Arbeit ‚‘Ensemble mit weißen Körpern‘ soll der Betrachter aus einem Stapel von weißen rechteckigen Körpern Paare zusammenstellen und so ein Gefühl für Größen- und Gewichtsverhältnisse entwickeln. Das geometrische Formenvokabular der Konkreten Kunst wird enthierarchisiert und dem Betrachter tatsächlich an die Hand gegeben. Hacker entwickelt Objekte, die wie in einer Versuchsanordnung eingesetzt werden, um mit dem Betrachter gemeinsam objektive Erkenntnis über die sinnliche Wahrnehmung zu erhalten. Nicht mehr allein der Künstler legt somit fest, was ein stimmiges Verhältnis zwischen zwei geometrischen Formen sein kann. Bei der statistischen Auswertung der Beurteilung der Scheinbewegung in den‚ ‘Neckerschen Würfeln‘ durch die Rezipienten steigert Hacker den wissenschaftlichen Ansatz. Die ästhetische Wirkung wird in einem Feldversuch durch die Befragung der Betrachter ermittelt und objektiviert. Damit setzt Hacker den Gedanken der Partizipation des Betrachters am Kunstwerk um, der viele Werke der Künstlerbewegung NEUE TENDENZEN auszeichnet, und nimmt sich selbst als Künstler vollkommen zurück. Eine absolute Reduktion der bildnerischen Mittel geht einher mit der Verweigerung einer – möglicherweise als subjektiv zu kritisierenden – Konstruktion oder Komposition durch den Künstler. Das Werk wird‚ ‘radikal transparent‘, da es zum einen eine endgültige Form nie erreicht und zum anderen als analytische Versuchsanordnung wissenschaftliche Objektivität beansprucht. Durch die Befragung der Rezipienten soll die Gestaltung systematisiert und damit planbar werden.

Interaktive Kunst und die Gruppe EFFEKT
1965 gründete Hacker mit seinen Kommilitonen Helge Sommerrock, Karl Reinhartz und Walter Zehringer die Gruppe EFFEKT. In ihrem Manifest fordert die Gruppe EFFEKT einen neuen Ausstellungstypus und ein neues Kunstverständnis. Die Kunst soll – wie der Name EFFEKT schon vermuten lässt – den Betrachter durch ihre visuelle Wirkung für sich einnehmen. Das Einzelwerk des Künstlers ist nun eher von untergeordneter Bedeutung und wird von Rauminstallationen abgelöst, die auf unterschiedlichen kinetischen Wirkungen basieren und meist kollektiv von der Künstlergruppe erarbeitet werden. Die Ausstellungen sollen die arrivierten Institutionen wie Galerien und Museen verlassen und an öffentlichen Orten gezeigt werden. Mit dieser Institutionskritik an den etablierten Akteuren des Kunstbetriebs steht die Gruppe EFFEKT nicht allein innerhalb der NEUEN TENDENZEN. Auch die Gruppe GRAV aus Paris versucht mit Aktionen auf der Straße eine breite Öffentlichkeit mit ihrer Kunst zu konfrontieren und nimmt Museen und Galerien gegenüber eine distanzierte Haltung ein. Die Rolle des Kunstmarktes wird allgemein von den Künstlern der NEUEN TENDENZEN kritisch gesehen.
Die Kunst der NEUEN TENDENZEN hatte einen hohen gesellschaftspolitischen Anspruch. Vor allem durch die Partizipation des Betrachters und die Aufforderung zum Spiel wollten die Künstler durch ihre Werke die Gesellschaft verändern, demokratisieren und psychische Verkrustungen aufbrechen. Mit der 68er-Bewegung hatte die politische und gesellschaftliche Realität diesen künstlerischen Ansatz überholt. Die gesellschaftliche Veränderung, die durch Kunst ausgelöst werden sollte, war längst im Gange und wurde auf der Straße politisch erkämpft. Gerade die Künstler der Gruppe EFFEKT zogen daraus ihre Konsequenzen. So beendeten Helge Sommerock und Walter Zehringer ihre Künstlerlaufbahn, um politisch tätig zu werden. Dieter Hacker wurde politischer Künstler.
Tobias Hoffmann

Zur Ausstellung erscheint ein Booklet.
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