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Die „Tischstücke“ – ein Bruch im Schaffen Hartmut Böhms?

Frederik Schikowski

Die „Tischstücke“ – ein Bruch im Schaffen Hartmut Böhms?

Hartmut Böhm, der seit über 50 Jahren kontinuierlich ein qualitativ
herausragendes Oeuvre entwickelt hat, präsentiert nun in der Galerie
Volker Diehl erstmals seine 2014 begonnene Werkreihe der „Tischstücke“.
Obgleich vielfältig im Ergebnis, ist deren Grundprinzip schnell
erklärt: Diverse nicht nachträglich veränderte Fundstücke aus seinem
Atelier ordnet Böhm auf einer Tisch-ähnlichen Konstruktion an, ehe
diese Auslegung dauerhaft fixiert wird.
Böhms Trouvaillen sind dabei meist industriell fabrizierte Gegenstände.
Dem Fundort entsprechend handelt es sich oft um Werkzeuge,
Hilfsmittel oder Aufbewahrungsbehältnisse, wie etwa Messschieber,
Klebeband-Rollen, Schleifblöcke, Anspitzer, CD-Hüllen, Karteikästen,
Schrauben- oder Dübelpackungen. Ebenso finden eine Vielzahl
weiterer Objekte wie etwa Bilderrahmen, Ausstellungskataloge oder
Einladungen Verwendung. Daneben verarbeitet Böhm Reststücke
aus seiner Kunstproduktion, zum Beispiel die für sein Schaffen
typischen Plexiglastafeln, Halbzeug wie Stahlprofile oder den Verschnitt
von MDF-Platten. Schließlich werden auch Abbildungen seiner Werke
oder sogar ganze, zuvor autonome künstlerische Arbeiten einigen
„Tischstücken“ einverleibt. Neben dem eigentlichen Kunstwerk erhalten
wir derart einen für Böhm ungewöhnlich intimen Einblick in das Umfeld
des Künstlers.
Dies ist nicht die einzige Neuerung, welche die im Gesamtschaffen
zunächst überraschende Werkgruppe so besonders macht. Wer etwa
hätte noch vor einem Jahr eine Readymade-Zusammenstellung in
einem Objekt Böhms erwartet, wer einen Tisch? Für viele hatte sich
dergleichen kaum angekündigt. Und so mag mancher in den
„Tischstücken“ sogar einen Bruch zu Böhms vorherigem Schaffen
erkennen. Doch ist diese Einschätzung gerechtfertigt?
Zunächst mag Böhms Gebrauch von Alltagsgegenständen verwundern.
Betrachtet man jedoch das Oeuvre dieses Künstlers genauer, wird
deutlich, dass Böhm bereits in den 1980er Jahren diesen Weg
eingeschlagen hat – wenn auch weniger augenscheinlich. Denn die
stilistische Herkunft Böhms und der Kontext der Rezeption in Ausstellungen
und Kunstpublikationen bewirken, dass wir in dessen
Arbeiten oft geneigt sind, sein Ursprungsmaterial zugunsten von dessen
geometrischer Formensprache zu übersehen. Eher realisieren wir
somit, zu was Böhm die Objekte transformiert hat und weniger, was sie
zu Beginn einmal waren. Die blockhaften oder linearen Gestaltungselemente
einiger „Progressionen gegen Unendlich“ etwa – eigentlich
vorgefertigte Stahlprofile. Die aufgerichteten Quadrate einer titellosen
Bodenarbeit von 1991 für Reutlingen – gewöhnliche Gehwegplatten
aus grauem Betonstein. Somit hielt das Profane, wenn auch noch in Form
von Halbzeug und Baumaterial, schon seit langem Einzug in das Schaffen
dieses Künstlers.
Böhms aktuelles Medium – eine Verschmelzung von Möbel und
Bild(relief) – ist innovativ, selbst wenn es im Deutschen oder Italienischen
bereits im Begriff der „Tafel“ beziehungsweise „tavola“ eine analoge
Doppelbedeutung gibt. Mindestens seit dem „Abendmahl“ ist
der Tisch in der Kunst geläufiges Motiv, als künstlerische Gattung bleibt
er aber ungewöhnlich. Doch sogar hierfür finden sich Vorläufer in
Böhms Oeuvre. Das Prinzip der Aufsicht etwa wurde bereits in seinen
Bodenarbeiten der 1980/90er-Jahre antizipiert. Er selbst stellt
zudem insbesondere einen Bezug zu einer Ausstellungssituation her,
die im Jahre 2002 in der Stiftung für konkrete Kunst in Reutlingen zu
sehen war. Dort präsentierte er eine seiner Zeichnungs-Werkgruppen
zwischen Glasplatten, die schräg an die Wand gelehnt waren und
demnach eine Betrachtung von oben bedingten. Genau wie dort sind
auch in den „Tischstücken“ Assoziationen an Studienkabinette,
in denen Interessenten preziöse Objekte zur intensiven Betrachtung auf
einem Tisch präsentiert bekommen, beabsichtigt.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der als Erklärung dienen kann, weshalb
Böhm sich nicht für aufhängbare Reliefs als Präsentationsform
seiner Auslegungen entschieden hat. Es ist der Bezug der Kunst zum
realen Raum und dessen Gestaltungsmöglichkeiten – Themen,
denen Böhm mit seinen ortsabhängigen Installationen schon seit Jahrzehnten
nachgeht. Für den Betrachter haben insbesondere die
„Tischstücke“ einen größeren Einfluss auf den Raum als Wandobjekte,
da bodengebundene Arbeiten per se Fläche beanspruchen,
die der Kunst-Rezipient für sich als Standort nicht mehr einnehmen kann.
Derart verliert jener zwar die Möglichkeit, sich gänzlich frei im Raum zu
bewegen oder zu positionieren. Er gewinnt jedoch die Freiheit,
die „Tischstücke“ zu umrunden und von allen Seiten gleichermaßen
wahrzunehmen. Fasst man zudem diese Werkreihe als Gesamtensemble
auf, so ändert sich etwas weiteres fundamental: das Publikum
befindet sich nun nicht mehr auf Distanz vor dem Kunstwerk, sondern
direkt in ihm.
Typisch für Böhm ist, dass seine „Tischstücke“ durchaus einer Programmatik
folgen. Denn keinesfalls sind sie bloße Agglomerationen des
Zufalls oder aus dem Moment heraus entstandene Stimmungsbilder.
Vielmehr behandelt jedes „Tischstück“ ein spezifisches Thema,
indem der Künstler jeweils solche Elemente zusammenstellt, die nach
bestimmten Kriterien wie etwa Farbe, Material oder Ästhetik eine
verbindende Gemeinsamkeit besitzen. So existieren „Tischstücke“ aus
vorwiegend schwarzen oder grünen Objekten, während sich zwei andere
mit Ideen von Dekonstruktion beziehungsweise Material und Maßstab
befassen. Ein weiteres lotet das Verhältnis von Eisen und Kunststoff
respektive Fülle des Konvoluts und Leere der Fläche aus. Die einzelnen
Elemente bedeuten somit für sich immer etwas anderes, als in
der Gesamtheit.
Nach wie vor bleibt die Formensprache, obwohl auf Fundstücken basierend,
streng geometrisch. Es dominieren Quadrate, Rechtecke,
Würfel und Quader, die von linearen Elementen, etwa einem Stift oder
schmalem T-Profil, flankiert werden. Auch sind die „Tischstücke“
in sich zwar vielteilig und mehrschichtig. Böhm bändigt jedoch das
potenzielle Chaos, indem er die Elemente entweder parallel, bündig oder
rechtwinklig zueinander anordnet.
Daneben lassen sich übergeordnet weitere unerwartete Übereinstimmungen
zwischen den Materialien der „Tischstücke“ und Böhms
vorangegangenem Schaffen entdecken. Die in ihrer Box der Größe nach
parallel angeordneten Schraubendreher – erinnern sie nicht an die progressiv
zunehmende Strichstärke seiner „Bleistiftlinien-Programme“ der
1970er-Jahre? Wird das Prinzip der Schattenfuge nicht im
zusammengeklappten, seitlich montierten Gliedermaßstab ebenso wirksam,
wie in Böhms „Gegenüberstellungen“ und „Schnittzeichnungen“?
Spielte das Licht, welches nun von Kunststoff-Zeichendreieck oder
Kassettenhülle reflektiert wird, nicht schon in den frühesten Arbeiten Böhms
eine wichtige Rolle? Und ähneln die Lamellen der weißen Kunststoff-
Lüftungsschlitze nicht denen von Böhms „Streifenreliefs“ aus Plexiglas?
Es wird immer offensichtlicher, dass es den vermeintlichen Bruch
zwischen den „Tischstücken“ und Böhms bisherigem Oeuvre im Grunde
gar nicht gibt. Vielmehr kann auch diese Werkreihe als Schritt einer
fortlaufenden Entwicklung im Schaffen Böhms gewertet werden.
Dementsprechend bleibt der Künstler seinem selbstgesteckten Ziel treu,
sich nicht zu verleugnen, jedoch seine Grenzen zu erweitern. Denn Böhm
will sich nicht durch Dogmen einengen lassen. Derart gerät selbst
der unvorhersehbare Ausbruch aus den Schranken zu einem für Hartmut Böhms
Werksgenese kontinuierlichen Charakteristikum.
Frederik Schikowski

Die Ausstellung Hartmut Böhm „Auslegungen“ ist bis zum 24. Januar 2015 bei DIEHL, Niebuhrstraße 2, 10629 Berlin zu sehen.

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