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CONSTANTIN FLONDOR

DAS WOHLTEMPERIERTE BAROCK

CONSTANTIN FLONDOR
„Brotkorn Gottes bin ich,

und durch die Zähne der Tiere werde ich gemahlen,
damit ich als reines Brot Christi erfunden werde.
Hlg. Ignatius von Antiochien  – Brief an die Römer 

Schneeflocken rieseln gesiebt vom Himmel! Von oben aus dem Himmel. Auch die Wolke wird hoch oben im Himmel gesiebt. Und die Apfelblüten, wie alle Blumen dieser schönen Welt, wie die Sonne und der Mond, die Sterne, der Tag und die Nacht – alles wird durchs Sieb gestrichen, auch unser Leben. Tinu denkt bei diesem sachten Rieseln an Demut, an weiße Gewänder.

Zuallererst nämlich ist Tinu ein Dichter. Und seine Gedanken schweifen in die Ferne, genau wie die von Eminescu, dem Dichter. Am Ende dieser Liste (die ich für ihn erstelle) könnte er ferner jederzeit wie Leonardo anfügen: „Außerdem kann ich malen so gut wie jeder andere, egal wer.“ Alles in Tinus Schaffen und Leben gerät zum symphonischen Legato.  Verwerfungen im Stil sind bei ihm keine Brüche, er siebt einfach seinen Stil. Siebt ihn durchs Weiß des Lichts, das bekanntlich alle Farben enthält. Und alle Gegenstände.

„Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen.“ (Lukas 18:19)  Aber wenn das Weiß der Lämmer die Umkehrung des Siebens von Tinte ist, eine Bewegung, die von unten nach oben erfolgt, wie bei Schneeflocken, die zurückgeschickt werden – wie sollen wir das nennen? Abermals wird etwas gesiebt.
Und die Flocken rieseln von unten nach oben.
Ich würde Tinu überallhin folgen, doch er nimmt mich jedesmal wieder mit nach ganz oben.

Mihai Sârbulescu, Maler, Gruppe Prolog