Amélie Grözinger

IMPRINTS OF SOLID MATTER

Diehl Cube 05.12.2014 – 24.01.2015

Amélie Grözinger


Die Chemie charakterisiert Feststoffe als Körper, deren Atome durch ein strukturelles Korsett in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt werden. Entscheidend für die Gesamtform ist folglich der Verbund der atomaren Bausteine auf Mikroebene, das strukturelle Gerüst, das wiederum aus dem Verhältnis der Kräfte resultiert, welche die Anordnung der Bausteine bestimmen.

Die Beziehung zwischen Baustein und Gesamtstruktur spielt für die Arbeiten von Amélie Grözinger eine entscheidende Rolle. Denn ihre Papierarbeiten basieren auf individuellen Elementen in Form von gefalteten Sechsecken, die so ineinander gesteckt sind – wobei das Stecksystem mithilfe von Heftklammern fixiert wird –, dass sich Stränge und Muster aus Hexagonen bilden, welche schließlich miteinander verwoben werden. So entstehen reliefartige Oberflächen, ja regelrechte geometrische Landschaften, deren Struktur doch immer durch den einzelnen Baustein, das Sechseck, und dessen wiederkehrende Kopie bestimmt ist.

Grözinger selbst arbeitet mit dem Begriff des Fraktals, um ihre Arbeitsweise zu fassen. Bei der Fraktale-Theorie aber ist ein Objekt zwingendermaßen aus Bausteinen aufgebaut, die Miniaturversionen und damit Kopien des Gesamtgebildes darstellen. Eine solche Detailtreue aber lösen Grözingers Arbeiten nicht ein. Meist erst auf den dritten und vierten Blick lassen sich hier und da minimale Abweichungen wie eine fehlerhafte Faltung, eine an der falschen Stelle gesetzte Heftklammer oder eine inkorrekte Anordnung der Hexagone erkennen.

Statt diese Irregularitäten aber auszumerzen, werden sie für die Künstlerin zu einem zentralen Charakteristikum der Arbeit und einem Merkmal, das deren künstlerischen Eigenwert ausmacht.

Schließlich bilden die Irregularitäten und Irrtümer den Gegenpol dazu, was bei der Analyse eines organischen Festkörpers unter dem Mikroskop sichtbar würde. In letzteren basiert die exakte Reproduktion des einzelnen Bausteins auf genetisch kodierten Prozessen. In Grözingers Arbeiten aber ist es der Prozess des Faltens als manuelle Handlung, der jedem Grundbaustein eine Individualität verleiht, da trotz der Regelhaftigkeit des Faltprozesses die Handhabung eines jeden Elements einzigartig ist.

In der Konsequenz entstehen daher jeweils unterschiedliche, als „speculum“ bezeichnete Spiegelarbeiten, die nicht nur in der Größe, sondern auch in der Art der Oberflächengestaltung variieren. Die Beschaffenheit der Oberfläche wiederum bestimmt in entscheidendem Maße den Grad der Reflektion, der sich bei Amélie Grözingers Spiegelensembles in der Regel weniger als spiegelbildliches Abbild und vielmehr als kaleidoskopisches Spiel aus Lichtpunkten und Schattenkanten ausnimmt.

Es ist wohl dieses Spiel mit Lichtakzenten, das neben dem Spiegel das Interesse der Künstlerin für Gegenstände wie Lampen geweckt hat. Wobei die Verbindung zu den Spiegeln in der Ausstellung „Imprints of Solid Matter“ subtiler ist als in vergangenen Präsentationen, in denen die Leuchtkörper ebenfalls aus Hexaedern aufgebaut waren. In den neuen Arbeiten weichen sie regulären Glühbirnen, die über die Verbindung mit lackierten Kupferrohrstangen auf Betonsockeln zu 2 Meter großen Stehlampen avancieren.

Dem textil anmutenden Geflecht und arbeitsintensiven Prozess des Faltens als zwei Komponenten, die dazu führen, Grözingers Arbeitsweise allzu leicht in die Ecke der „Frauenarbeit“ zu schieben, wird mit den Materialien und der Monumentalität der Lampen ein Kontrapunkt entgegen gesetzt: Angesichts dieser Gegenüberstellung von Materialien und Prozessen der Formgenese thematisiert die Ausstellung andere Fragen als solche nach weiblichen vs. männlichen Handwerkspraktiken. Viel brennender stellen sich Fragen nach der Geometrie, Haptik und formalen Eigenschaft von Oberflächen und Feststoffen, den Qualitäten armer Materialien wie Papier oder Heftklammern und der Transformation eines Rohstoffs wie Champagneretikettenpapier in ein Gestaltungselement, dessen glänzende, kostbar anmutende Oberfläche durch das Falten zuerst dekonstruiert wird, um anschließend durch im Verbund der hexagonalen Bausteine zu ihrer intendierten Wirkung zurückzukehren.

Die Falte, schrieb der Philosoph Gilles Deleuze, markiere keine Trennung, sondern eine Unterscheidung. Und so kreist diese Ausstellung in letzter Konsequenz um die Falte, deren spezifisches ästhetisches Potential in der Zusammenstellung und Gegenüberstellung der einzelnen Werke ebenso ins Blickfeld gerückt wird wie ihre strukturelle Variabilität und materielle Stabilität.

Christina Landbrecht